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Marvin Oppong und PR in der Wikipedia

Es ist eine eigenwillige Einstellung zu Datenschutz und Internetfreiheit, die der “Investigativjournalist” Marvin Oppong in einem Artikel bei Spiegel Online an den Tag legt. Er bezeichnet es nämlich als “ungewöhnliches Laisser-faire”, dass Daimler nicht die Wikipedia-Aktivitäten seiner Mitarbeiter nachverfolgt oder die Nutzung von Social-Media-Angeboten untersagt.

In “Das geschönte Bild vom Daimler-Konzern” berichtet er, dass jemand einen kritischen Abschnitt im Wikipedia-Artikel des Autobauers gelöscht hat. Die (anonyme) Bearbeitung wurde schnell rückgängig gemacht, sie hatte gerade mal eine Minute Bestand. So etwas ist nichts Ungewöhnliches und passiert tagtäglich in der Wikipedia. In diesem Fall konnte die IP des Bearbeiters aber zur Daimler AG zurückverfolgt werden.

Bei dem Konzern weist man jede Schuld von sich. Es sei wohl ein Mitarbeiter gewesen, wer genau, lasse sich aufgrund des Datenschutzes nicht ermitteln. Wegen dieser Aktion möchte man aber nun nicht die Nutzung von Wikipedia ganz sperren.

Ein ungewöhnliches Laisser-faire, das der Konzern hier an den Tag legt, denn ob mit oder ohne offiziellen Auftrag: Der Wikipedia-Zensor hat zumindest gegen den internen Social-Media-Leitfaden der Daimler AG verstoßen“, lautet Oppongs Kommentar. Was aber hätte Daimler machen sollen?

Bei der grobschlächtigen und dilettantischen Vorgehensweise ist kaum davon auszugehen, dass die PR-Abteilung des Multimilliarden-Konzerns dahinter steckt. Viel wahrscheinlicher ist, dass einer der 271.000 Mitarbeiter es ein wenig zu gut mit seinem Arbeitgeber meinte. Der hat aber schon juristisch kaum eine Möglichkeit, den Wikipedia-Bearbeiter zu ermitteln. Außer, die Internetnutzung am Arbeitsplatz ist strikt verboten, greifen nämlich Fernmeldegeheimnis sowie die Regelungen zum Datenschutz aus dem Telekommunikationsgesetz und dem Informations- und Kommunikationsdienste-Gesetz. Der Daimler AG sind also die Hände gebunden, eine Überwachung geht nicht. Mehr als die Belegschaft zu informieren, kann sie nicht machen. Klare Grenzen hat sie mit ihrem Social-Media-Leitfaden bereits gesetzt. Die einzige Lösung, um Vorfälle wie diesen in Zukunft zu verhindern, wäre also eine komplette (technische) Sperre. Ziemlich unverhältnismäßig.

Nun schließt Oppong aus einigen tendenziösen Bearbeitungen in den Jahren 2005 und 2006 auf eine “unselige Tradition” in Sachen Wikipedia-Manipulation.  Unabhängig von der gerade erwähnten juristischen Betrachtung muss man sich aber fragen: Erfordert diese Einzelbearbeitung wirklich eine interne Untersuchung im Unternehmen oder gar eine Einschränkung der Internetnutzung? Ist das angesichts der großen Zahl an Mitarbeitern und der geringen Auswirkung der Bearbeitung nicht einfach nur eine unbedeutende Petitesse?

Auf die Anfrage, wie die Daimler AG korrekt hätte handeln sollen seiner Meinung nach, schreibt Oppong: ”In meinen Augen sollte Daimler seinen Mitarbeitern grundsätzlich verbieten, von Daimler-Rechnern aus Änderungen in Wikipedia vorzunehmen. Derartige Regelungen existieren auch in anderen Unternehmen, so zum Beispiel beim Spiegel.” Dass Daimler mit seiner Erlaubnis, Wikipedia zu nutzen, keine Ausnahme darstellt, zeigt eine Überblick der Social-Media-Guidelines deutscher Unternehmen. Doch er ergänzt: “Wenn Daimler-Mitarbeiter Änderungen in Wikipedia vornehmen, sollte dies aber zumindest transparent mit einem entsprechenden Hinweis geschehen, wie ihn Daimler in seinem Social-Media-Leitfaden ja selbst in Betracht zieht, wenngleich dies bei Einzeleditierungen in Wikipedia technisch nicht praktizierbar ist.” Er sagt also, es sei am Besten, wenn sich die Mitarbeiter so verhalten würden, wie es die Konzernrichtlinien ohnehin vorschreiben.

Wegen der großen Relevanz der Wikipedia sind Bearbeitungen von Unternehmensartikeln durch PR-Firmen sicher keine Seltenheit. Wie hier gearbeitet wird, darüber hat auch schon das Netzwerk Recherche diskutiert. Es ist aber fraglich, ob ein solcher Artikel wie der von Oppong ein sinnvoller Beitrag zu der schwierigen Problematik von PR in der Wikipedia ist.

Eine nur eine Minute bestehende “Manipulation” durch irgendwem von Daimler ist etwas derart banales, dass es lächerlich wäre es hier zu erwähnen“, lautet treffenderweise daher auch ein Diskussionskommentar zu der Frage, ob Oppongs Artikel im Wikipedia-Beitrag zu Daimler erwähnt werden sollte…

Update: In einer ersten Fassung des Artikels hatte ich geschrieben, Oppong würde indirekt fordern, dass Unternehmen die Internetnutzung ihrer Mitarbeiter überwachen sollen oder ihnen zumindest die Nutzung von Social-Media-Angeboten verbieten müssen. Nach einer Mail, in der er mich unter Vorbehalt rechtlicher Schritte aufforderte, dies “richtig zu stellen”, habe ich die entsprechende Passage abgeändert. Zudem gebe ich ihm zuliebe seine Stellungnahme nun ungekürzt wieder. Der Satz, dass der Spiegel Wikipediabearbeitungen seiner Mitarbeiter untersagt, fehlte in der ersten Fassung…

Update 2: Uwe Knaus, seines Zeichens Social-Media-Beauftragter bei Daimler, hat auf Google Plus ein paar Zeilen zu Oppongs Artikel geschrieben.

11 Kommentare

  1. Thomas Weiss sagt:

    Danke für die weitere Recherche und Statements von Oppong!

    Ich hatte mir nicht die Zeit genommen: http://dieganzewahrheit.org/2012/03/12/der-poese-daimler/

    ThX!

    Thomas.

  2. uknaus sagt:

    Der Spiegel untersagt seinen Mitarbeitern eine Wikipediabearbeitung. Generell, oder nur Artikel, die den Verlag betreffen. Lediglich während der Arbeitszeit, oder generell, auch als Änderungen die ein Mitarbeiter als Privatmensch vornimmt? Und wie verhält es sich mit Änderungen, die von freien Journalisten getätigt werden, die ihr Gehalt nur teilweise vom Verlag beziehen?
    Dann interessiert mich noch, wie es möglich ist, einen Verstoß zu ahnden – wenn überhaupt nachvollzogen werden kann, wer geschönt hat?
    Oder werden dazu die Rechneraktivitäten der Mitarbeiter kontrolliert oder gar protokolliert und gespeichert?
    Das wären Fragen, die mich in diesem Zusammenhang interessieren würden.
    Ich wittere einen Skandal ;)

  3. Pavel Richter sagt:

    Es gab mal vor einiger Zeit ein Projekt, in dem mittels eines Programms namens “WikiScanner” Edits analysiert wurde, in denen IPs aus Unternehmen in den entsprechenden Unternehmensartikeln Änderungen vorgenommen haben. Hier findet sich die Liste für Deutschland (http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikiscanner), und auch die englische Wikipedia berichtete entsprechendes: http://en.wikipedia.org/wiki/WikiScanner. Leider funktioniert der WikiScanner derzeit nicht (keine Ahnung, warum).
    (Disclaimer: Ich bin Vorstand von Wikimedia Deutschland, dem deutschen Förderverein für Freies Wissen und Wikipedia)

  4. Ein Spiegel-Mitarbeiter sagt:

    Mir ist nicht bekannt, dass ich als Spiegel-Mitarbeiter die Wikipedia nicht bearbeiten darf, ob innerhalb oder außerhalb der Arbeitszeit. Keine Ahnung wo sich Herr Oppong das aus den Fingern gesaugt hat.

  5. kann mir jemand das (sic!) hinter Laisser-faire erklären?

    se demande une personne bilingue

  6. Tom sagt:

    Viel besser, weil relevanter ist ein vergleichbarer Fall der ARAG Versicherung.

    Siehe http://rechtzweinull.de/index.php?/archives/196-Einstweilige-Verfuegung-wegen-verschleierter-Werbung-in-Blogs-Social-Media-Fail-der-ARAG-Rechtsschutzversicherung.html

    Da hat es offensichtlich sogar ein Gerichtsverfahren gegeben…

  7. [...] Marvin Oppong und PR in der Wikipedia (blog.oldmedia.de) – Manchmal kann man auch übertreiben – so beispielsweise Marvin Oppong und seine "investigative" Recherchen in Sachen Wikipedia und die Daimler AG. [...]

  8. […] Reaktionen innerhalb und außerhalb der Wikipedia hervor (siehe zum “Fall Daimler” hier und hier), mit denen sich Oppong hätte auseinandersetzen müssen. Stattdessen wärmt der Autor […]

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Philipp Sümmermann

In diesem Blog schreibe ich zu den Themen Medien und Recht. Ich habe in Köln und Paris deutsch-französische Rechtswissenschaften studiert und arbeite als freier Journalist.
Twitterprofil von Philipp Sümmermann bzw dort @suemmermann